Kopf-, Kiefer- und Zahnschmerzen erfordern oft Teamwork
  Ursachen    

Cranio-Mandibuläre-Dysfunktion (CMD)

Viele Menschen haben in irgendeiner Form mit diesem Thema zu tun. Sogenannte "nicht-objektivierbare Zahnschmerzen", Kopfschmerzen, Gelenkknacken und -geräusche, Nackenverspannungen bis hin zur Lendenwirbelsäule, müde Augen, empfindliche Zahnhälse, Zahnfleischprobleme u.a. sind einige Symptome dieser heutzutage immer häufiger auftretenden Problematik.

Man weiß, daß orthopädische Probleme (Beckenschiefstände, verkürzte Beine, Narben u.a.) zu einer Fehl- oder Kompensationshaltung der Wirbelsäule führen können. Nicht selten resultieren daraus Lageveränderungen des Kopfes (z.B. Vor- oder Schiefhaltungen), was zu einseitigen Belastungen auch der Kiefergelenke und Zahnreihen führen kann, da der Kopf ein hohes Eigengewicht hat.

Umgekehrt können Störungen der funktionellen Harmonie der Zahnreihen durch schlecht passende Kronen, Fehlbisse oder Störkontakte zu Fernsymptomen im Kiefer, Kopf, Hals und Rücken (bis in die Beine !!) führen.

Zu den sogenannten akzessorischen Kaukuskeln zählen auch die kurzen Nackenmuskeln. Da diese als Antagonisten für einige Kaumuskeln fungieren, treten bei erhöhter Knirschaktivität oftmals auch fortgeleitete Probleme im Nacken-, Hals- und Rückenbereich auf. Ebenso sind Verspannungen der Kopf- und Nackenmuskeln bisweilen für Kopfschmerzen verantwortlich.

Die anatomische Nachbarschaft der Kiefergelenke und des Kauapparates zur Halswirbelsäule und dem großen Kopfgelenk an der Schädelbasis wird auf dem Röntgenbild deutlich.

Es ist nachgewiesen, daß einer der großen Kopfnerven, der sog. Nervus Trigeminus (nerv. trig.) sowohl einige Bereiche des Kopfes und des Gesichtes mit Gefühl versorgt, als auch Fasern in die Halswirbel und deren Zwischenräume entsendet.

Alle Fasern des nerv. trig. aus dem Gesicht-/Gebiss-/Kopf- und Halsbereich kommunizieren direkt oder indirekt und können so zu sogenannten Projektionsschmerzen führen. Das bedeutet, daß sich Probleme des Rückens/Nackens in die Zähne projezieren können und dort dann Zahnschmerzen auslösen, für die keine Ursache zu finden ist. Dies funktioniert übrigens auch umgekehrt !

Es ist fehlerhaft, in solchen Fällen Zahnbehandlungen oder sogar Wurzelbehandlungen durchzuführen, um einen "Zahnschmerz" zu therapieren. Die gesamte Symptomatik, Diagnostik und richtige Therapie in solchen Fällen ist extrem schwierig !!

Vielfach wird schnell der diagnostische und therapeutische Bereich verlassen, den die gesetzlichen Leistungskataloge umfassen. Das hohe Aufkommen solcher Störungen wäre für die gesetzliche Krankenversicherung in der Gesamtheit u.M. wirtschaftlich nicht leistbar - sie hat sich auf die Versorgung der gängigen Grunderkrankungen zu konzentrieren.

Wie entstehen Muskel- und Kiefergelenkprobleme im Kopf-Hals-Bereich ?

Neben den oben beschriebenen orthopädischen oder internistischen Ursachen (die wir regelmäßig interdisziplinär mit Orthopäden, Physiotherapeuten und weiteren ärztlichen Kollegen versuchen herauszufinden) gibt es auch eine Reihe "dentaler" Ursachen, deren Hintergründe nachfolgend beschrieben werden sollen:

Knirschen und Pressen, Zungenpressen, Lippenbeißen, Wangeneinsaugen u.a. sind unphysiologische Muskelaktionen, die als Parafunktionen bezeichnet werden. Zahnschmerzen, empfindliche Zahnhälse, schwer lokalisierbare Kieferschmerzen, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, "Migräne" und Beschwerden im Bereich der Hals- oder Brustwirbelsäule sind typische Symptome, die Patienten in der täglichen Sprechstunde äußern. Einige Patienten entwickeln zusätzlich einen überstarken und häufigen Schluckreflex, der zum Wundsein im Rachen- und Halsbereich führt.

Überstarker Abrieb an Zahn-, Füllungs- oder Kronen/Inlayflächen zeigt uns, ob und wie stark ein Patient geknirscht oder gepresst hat (sog. Abrasionen, Abrasionsgebiss). In diesen Fällen empfehlen wir weitergehende Diagnostik mittels klinischen oder instrumentellen Funktionsanalysen (siehe bitte Information der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde DGZMK).

Diese Grafik spiegelt die Größe und zentrale Lage der Kiefergelenke am Schädel wider.

Streß als Ursache:

Warum knirscht ein Mensch ? Das kann viele Ursachen haben: Streß, innere Spannung, seelische Probleme und Überlastung im Beruf oder in der Familie sind Co-Faktoren, die zum Knirschen oder Pressen führen können. Das hängt u.a. mit verschiedenen neurologischen Verbindungen im Gehirn zusammen (Limbisches System, Träger´sches Weckzentrum u.a.), die seit tausenden von Jahren die Aufgabe haben, aufgrund der Wahrnehmung von Außenreizen motorische Flucht- oder Abwehrreflexe auszulösen. Signale, die "Gefahr" bedeuten konnten, mußten beim Urmenschen die Fluchtmuskulatur automatisch vorspannen, um bei Erkennen der Gefahr unmittelbar fliehen zu können - oder ggf. zurückzubeissen (Kaumuskeln !).

Was bedeutet das konkret ? Normalerweise haben die Zahnreihen täglich 1200 - 1600 Zahnkontakte zum Essen, Schlucken u.a. in normaler Kraftentwicklung (ca. 2 - 30 KG Zugkraft der Kaumuskeln). Beim Knirschen und Pressen können dies bis zu 8000 Zahnkontakte mit bis zu 60 - 80 KG Zugkraft der Kaumuskeln werden, was zum sichtbaren Auftrainieren der Kaumuskeln z.B. im Bereich der Kieferwinkel führt.

Dental-anatomische Ursachen - wenn das Gebiss aus der Balance geraten ist

Zahnreihen sollen "balanciert" und ohne geometrische oder mechanische Störpunkte die hohen Kräfte beim Kauen in Reibe- und Zerkleinerungsarbeit umsetzen können. Wenn durch fehlerhafte Zahnstellung, Füllungsgestaltung oder Zahnersatz, Lücken oder Fehler in der Kieferlage die Kaukräfte nicht gleichmäßig und gleichzeitig auf die Zähne übertragen werden, entstehen muskuläre Fehlfunktionen, weil die anatomischen Fehler durch die Muskeln und Kiefergelenke ausgeglichen werden müssen. Dies tolerieren diese Strukturen auf lange Dauer nicht !!

Wenn sich die "Zahnräder drehen", hat dies Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Körpers - u.a. auch auf das Gebiss.

Lösungen  

Allen Behandlungen voran steht eine intensive Diagnostik, bei der sowohl Ihre Krankengeschichte erfaßt wird, als auch verschiedene Untersuchungen in funktionell-ganzheitlicher Hinsicht empfohlen werden.

Die Diagnostik von Schmerz- und Verspannungszuständen ist extrem zeitaufwändig und kann nur im Rahmen der Privatärztlichen oder Privatzahnärztlichen Behandlung erfolgen. Es ist verständlicherweise leider nicht möglich, für das festgeschriebene Kassen-Beratungshonorar in Höhe von € 7,50.- eine umfassende Untersuchung und Erhebung der Krankengeschichte zu leisten.

 

Was können Sie selbst tun ?

Die Therapie von Funktionsstörungen zielt einerseits auf die Verminderung der Press- und Knirschzeit durch Selbstbeobachtung, andererseits ist bei einem Teil der Fälle professionelle Hilfe durch den Zahnarzt, Orthopäden, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten oder Schmerztherapeuten nötig.

1.  Hilfreich ist immer, sich selbst häufig über den Tag verteilt auf eventuelle Press- oder Knirschtätigkeit oder Kaumuskelanspannung zu beobachten (Selbstbeobachtung). Dazu müssen Sie Ihr tägliches privates und berufliches Umfeld mit "Erinnerungsmarken" (z.B. grüne Punkte oder rosa Schleifen) ausrüsten. Bringen Sie 3 bis maximal 5 markante "Erinnerungszeichen" in Bereichen an, in denen Sie vermutlich pressen. Das kann sowohl z.B. der Rückspiegel Ihres Autos als auch z.B. Ihr geschäftlicher Telefonapparat oder der Küchenherd sein. Hilfreich ist auch, bei Ihrem Computer oder Notebook den Bildschirmschoner mit der Frage "Wie steht´s mit dem Zähneknirschen ?" zu programmieren.

2. Wenn die Beschwerden zu stark geworden sind, können Sie mit Massagen oder Zungenrückzugbewegungen die Kaumuskeln lockern (diese Übungen können Sie bei uns lernen).

Zungenrückzugübungen funktionieren derart, daß Sie die Zungenspitze so lange zurückrollen, bis sie das Zäpfchen am Gaumensegel berührt. Diese Spannung sollten Sie ca. 10 Sekunden halten und danach die Backen mit Luft aufpusten. Bei der gesamten Übung sollten Sie den Kopf aufrecht und ganz leicht vorgestreckt halten. Diese Anspannung/Entspannung sollten Sie 3-5 mal wiederholen und dann 2-3 Stunden pausieren. Wiederholen Sie solche Sequenzen mehrfach täglich. Nach einer anfänglichen Trainingsphase werden Sie sehen, daß Sie mit dieser Übung häufig Kopfschmerzen, Ohrenpfeifen oder Verspannungen lösen können.

3. Versuchen Sie bitte nicht, die oben beschriebenen Probleme nur mit Schmerzmitteln zu beseitigen - Sie belasten Ihren Magen und Ihre Nieren und werden selten eine dauerhafte Besserung verspüren.

4. Achten Sie weiterhin auf ausreichend körperliche Bewegung - Muskelverspannungen vom Rücken können sich oft bis zur Nacken- und Kaumuskulatur fortsetzen. Vielen verspannten Patienten hilft es, zumindest ein bis zweimal wöchentlich Sport oder körperliche Bewegung zur Entkrampfung der Muskulatur einzuplanen.

Eine sogenannte "Instrumentelle Funktionsanalyse" hilft der Praxis, Zahn- oder Gebissprobleme als Ursachen für Funktionsstörungen zu ermitteln. Aufgrund der Erkenntnisse einer solchen Funktionsanalyse werden ggf. Behandlungsprogramme individuell für Sie erstellt, die folgende Punkte einzeln oder kombiniert enthalten können::

  • Schienentherapie
  • Physiotherapie
  • Diagnostik in der Orthopädie, Kieferorthopädie
  • Bisslageveränderungen
  • u.a.

Was können wir als Praxis tun ?

Wenn Patienten mit Kopf-, Zahn-, Kiefergelenk- oder anderen Beschwerden unsere Praxis aufsuchen, erheben wir vorab einen Kurzbefund, anhand dessen eine Bewertung erfolgt, in welcher Körperregion die Ursachen für die geschilderten Beschwerden vermutet werden. Daraufhin wird weitere Diagnostik in unserer oder in der Praxis eine(r)s jeweils zuständigen Kollegin/Kollegen (s.o.) veranlaßt. In der Regel läßt sich das Problem eingrenzen und eine Behandlungsstrategie umreissen.

Die Ursachenforschung berührt immer wieder ähnliche Felder:

  • Suche nach Zahnursachen (Entzündungen, Karies, Parodontitis, Kiefergelenkstörungen, Muskelstörungen, undichte Kronen, wenig stabile Brücken oder Prothesen o.a.).
  • Suche nach sog. Dysbalancen (wie erfolgt die Krafteinleitung beim Mundschluß, erfolgt der Biss gleichseitig und gleichzeitig, sind Zwangsführungen wegen Zahnfehlstellungen erkennbar, ist die  Bisshöhe links/rechts ungleich u.v.a.)
  • Suche nach Streßfaktoren
  • Suche nach vorangegangenen Unfällen, Verletzungen, Operationen u.a.

Unser Stufenplan unterscheidet Akutfälle und langfristig relevante Fälle - wir entscheiden jeweils, ob wir eine Entlastungsschiene anfertigen, ob wir Physiotherapie verordnen, oder ob wir z.B. weitere Diagnostik bei Fachärzten veranlassen. Wir eruieren u.a. auch, ob Ursachen im Gebiss zu finden sind, wie sich die  Ernährungssituation darstellt, ob psychische oder mentale Faktoren eine Rolle spielen.

Letztlich erstellen wir einen Fahrplan, der beschreibt, wie wir uns eine Behandlung vorstellen könnten, und besprechen diesen mit Ihnen.

Weitergehende Diagnostik oder Therapie ergibt sich u.a. dann auch auf Ihre Initiative hin.